Herzlich willkommen, Georg! Ich freue mich sehr, dass Du Dir heute Zeit nimmst, um mit mir über Deine beeindruckende Reise im Taekwondo zu sprechen. Du hast als aktiver Wettkämpfer zahlreiche Erfolge erzielt – von Medaillen bei den Europameisterschaften bis hin zu spannenden Begegnungen bei den Weltspielen – und Dich später als Trainer und Funktionär in der Deutschen Taekwondo Union einen Namen gemacht. Mit Deiner langjährigen Erfahrung prägst Du nicht nur den Sport, sondern inspirierst auch die nächste Generation von Athleten. In diesem Interview möchte ich nicht nur auf Deine sportlichen Highlights eingehen, sondern auch mehr über Deine persönlichen Erlebnisse, Herausforderungen und Zukunftspläne erfahren. Lass uns gemeinsam in Deine faszinierende Welt des Taekwondo eintauchen!

Interview mit Georg Streif
Georg, Du hast über viele Jahre hinweg als Bundestrainer und Sportdirektor die Deutsche Taekwondo Union geprägt. Wenn Du auf diese Zeit zurückblickst, was waren Deine größten Herausforderungen und Erfolge?
Antwort GS: Als Sportler werde ich nie das Finale und die Siegerehrung mit der Nationalhymne bei der Europameisterschaft 1990 in Aarhus vergessen, als ich den Titel feiern konnte. Das war mein letzter offizieller Wettkampf. Danach folgte die Trainerzeit.
Ansonsten war das Highlight immer Olympia, worauf die gesamte Planung im Vier-Jahres-Rhythmus ausgerichtet war. Das begann 1988 in Seoul, als ich dort als Wettkämpfer antreten durfte. Danach folgten sieben weitere Olympiaden. Als Kämpfer in Seoul bis zum Coachen von Faissal Ebnoutalib im Finale 2000 in Sydney, die Medaille von unserer damaligen Sportsoldatin Helena Stanek (ehemalige Fromm) in London 2012 (Carlos war dort Coach), die Teilnahme von Alexander Bachmann (Vanja hatte ich dort als Coach eingesetzt) in Tokio 2021 und zum Schluss als Sportdirektor im Hintergrundeinsatz für Lorena Brandl in Paris 2024. Sie gewann zweimal und erreichte den erfreulichen 5. Platz. Als Coach habe ich da Balazs Toth eingesetzt und Bernhard Bruckbauer, ihr Heimtrainer, unterstützte vor Ort.
Natürlich waren auch die 3 Weltmeister-, 10 Europameister- u. 28 Militär-Weltmeister-Titel, die ich als Coach, Militär-Coach oder Chef-Bundestrainer begleiten durfte, etwas ganz Besonderes. Weltmeister wurden Aziz Acharki 1995 in Manila bei meiner ersten WM als Herren-Bundestrainer,
Marco Scheiterbauer aus meinem Verein gewann bei meiner 2. WM als Herren-Coach in Hongkong 1997 Silber (er gewann auch 5 weitere Weltmedaillen), Tahir Gülec 2013 (Aziz war Coach) in Puebla und Alexander Bacchmann 2017 (Dong-Eon Lee habe ich dort als Coach eingesetzt) in Muju. Weltmeistertitel sind schon was Besonderes.

Alle Einzelergebnisse als Kämpfer und Coach sind auf der Homepage von Peter Bolz zu finden. www.taekwondodata.com Diese Plattform ist schon gigantisch. Dort sind aktuell 57909 Athleten/Trainer aus 206 Nationen und 1358 Turnieren eingetragen. 144882 einzelne Kämpfe aufgelistet.
Gibt es einen besonderen Moment oder ein Ereignis, das Dir aus Deiner Zeit bei der DTU besonders in Erinnerung geblieben ist?
Antwort GS: Der Einmarsch bei der Olympiade in Sydney 2000 war gigantisch. Ich konnte den Austausch des süd- und nordkoreanischen Teams kurz vor dem Einmarsch ins vollbesetzte Station live miterleben. Ebenso war die Demonstration der über 1000 Taekwondo-Athleten bei der Eröffnung in Seoul 1988 überwältigend.
Egal in welcher Zeit und Funktion ich im Einsatz war, mein Ziel war immer ein respektvoller Umgang mit allen Teammitgliedern. Hier lernst du gute Freunde am besten in intensiven und „schwierigen Zeiten“ kennen. Vor allem da wollte ich immer für mein jeweiliges Team unterstützen und besten Einsatz bringen. In den „leichten Zeiten“ ist es einfach. Ebenso lernt man im Leistungssportbereich aus schwierigen Situationen das Bestmögliche zu machen. Das ist auch im Leben sehr hilfreich.

Zum Schluss war die Veränderung der Techniken aufgrund des E-Westen-System eine Herausforderung, die mir gefallen hat. Man musste sich komplett neu orientieren. Sowas reizte mich immer.
Dein Ausscheiden aus dem Amt bei der DTU markiert eine neue Phase in Deinem Leben. Wie fühlt es sich an, nach so vielen Jahren eine andere Richtung einzuschlagen?
Antwort GS: Wenn ein Projekt, in das man viel Energie gesteckt hat, sich dem Ende nähert, sind natürlich auch Gefühle im Spiel. Da ich im Leistungssport als Vize-Präsident der BTU bleibe, ist der Schritt nicht allzu groß. Die meisten Akteure werde ich weiterhin treffen.
Allerdings kann ich nun mein Gewerbe „SPORTMANAGEMENT STREIF“ wieder mehr aufleben lassen und mehr POWERCAMP`s organisieren und Seminare zusagen. KWON ist hierbei immer unterstützend dabei. Ebenso helfe ich gerne in der Trainerausbildung im In- und Ausland mit und bringe gerne meine Erfahrung der vielen Jahren ein.

Weltmeister Alexander Bachmann mit Betreuer-Team. V. R: Holger Wunderlich, A. Bachmann, Dong-Eon Lee u. ich
Welche Projekte oder Ideen hast Du für die Zukunft? Gibt es etwas, worauf Du Dich besonders freust?
Antwort GS: Im Moment will ich den Kampfsport im Allgäu wieder beleben. Wir waren vor langer Zeit führend mit fünfmaligem Teamtitel bei den Deutschen Meisterschaften der Damen und Herren. Ich will im Allgäu wieder Seminare anbieten, die Vereine mehr zusammenbringen und wieder einen Stützpunkt aufleben lassen. Eine große Gala mit mehreren Kampfsportarten zusammen würde mich auch wieder reizen. Erste Kontakte dafür sind schon erfolgt.
Siehst Du Dich weiterhin in einer aktiven Rolle im Taekwondo, vielleicht als Berater, Coach oder in einer anderen Funktion?
Antwort GS: Noch fungiere ich auch selbst als Referent, leite aber immer mehr Maßnahmen, wo ich mehr der Organisator bin. Da liegen mir natürlich meine POWERCAMP`s sehr am Herzen. In Porec – Kroatien folgt vom 23. bis 30.08.2025 das 30. POWERCAMP, wo jetzt schon viele Anmeldungen eingehen. Das 5. POWERCAMP KO SAMUI habe ich gerade abgeschlossen und will auch dort mit meinem Freund Prof. Udo Mönig zusammen, erweitern. Er arbeitet noch an der Youngsan Universität in Korea, will aber bald nach Thailand umsiedeln und dort sein HIPPOS GYM auf Ko Samui erweitern. Interessenten, die dort investieren wollen, haben wir vor einigen Tagen getroffen. Mal schauen was daraus wird. Ansonsten will ich mein Hobby, die Berge, noch mehr genießen.
Taekwondo-Camps & Powercamp in Thailand
Georg, Du bist auch bekannt dafür, dass Du seit Jahren Taekwondo-Camps organisierst und nun das Powercamp in Thailand ins Leben gerufen hast. Gab es einen bestimmten Punkt, an dem Du Dich entschieden hast, in diesem Bereich aktiv zu werden – vielleicht inspiriert durch die legendären Sommerferien in Mimizan an der Biskaya-Küste in Südfrankreich?
Antwort GS: Natürlich haben mich die erwähnten Camps inspiriert. Dort gab und gibt es immer ein interessantes Angebot. Auch die Camps meines Trainers Herrn Großmeister Ko Eui Min, die mir immer sehr viel gegeben haben, gaben die notwendigen Impulse. Zahlreiche Freundschaften daraus pflege ich immer noch. Teilweise arbeiten sie nun in meinen POWERCAMP`s mit.
Was unterscheidet das Powercamp in Thailand von anderen Trainingslagern, und welche Vision steckt dahinter?
Antwort GS: In Thailand liegt eine komplett andere Zielstellung als bei den anderen POWERCAMP`s vor. Dort wird sehr individuell in Kleingruppen bis hin zum Einzeltraining gearbeitet. Alle Kampfsportarten treffen hier aufeinander. Auch sehr bekannte Fitness-Gruppen erscheinen zeitweise dort im Hippos Gym von meinem Freund Udo in Maenam, einem Bereich auf Ko Samui, wo auch zahlreiche Auswanderer wohnen.

Mich begeistern in Thailand auch die Wettkämpfe im Kampfsport. Wie sie präsentiert werden, ist teilweise bombastisch. Vor allem in Bangkok. Dort ist Klasse, Show und beste Präsentation geboten. Teilweise bereiten sich Kämpfer auch bei uns im „oldschool“ Hippos Gym unter einfachsten Bedingungen vor.
Aber da weißt du ja selbst bestens Bescheid, da dein Sohn dort als Profi arbeitet. Da habe ich schon sehr Gutes gehört. Er hat meinen absoluten Respekt.
Wie siehst Du die Zukunft solcher internationalen Taekwondo-Camps? Werden sie in der Ausbildung junger Sportler eine noch größere Rolle spielen?
Antwort GS: Camps sind im Moment sehr im Kommen und werden gerne angenommen, wenn die Qualität stimmt. Ich will da teilweise übergreifend mit mehreren Kampfsportarten arbeiten. Jede Sportart hat seine Spezialitäten, von denen man gegenseitig profitieren kann.
Persönliche Entwicklung und neue Herausforderungen
Erzähl mir doch ein bisschen von Deinem persönlichen Werdegang – wie bist Du zum Taekwondo gekommen und was hat Dich an diesem Sport fasziniert?
Antwort GS: Ich habe relativ spät 1977 mit Taekwondo in einem kleinen Ort im Allgäu (Lengenwang) bei Alois Brenner, Karl Egger und Josef Gast angefangen und habe sofort den Vollkontakt ins Auge gefasst und relativ schnell Turniere gekämpft. Vorher hatte ich mehrere Kampfsportarten ausprobiert. Zum Schluss habe ich mich für Taekwondo entschieden, da sich hier Sport und Selbstverteidigung gemischt haben. Auch der Kampf ohne Faust zum Kopf habe ich favorisiert, obwohl dies für die Effektivität und Verteidigung sehr wichtig ist. Hier unterscheide ich stark zwischen Sport und Verteidigung. Im Dojang Marktoberdorf von Willi Martin haben wir uns dann in den 80ziger Jahren erweitert. Später habe ich dann die Taekwondo Gemeinschaft Allgäu gegründet. Siehe www.taekwondo-allgaeu.de
Ich hatte sehr viel außerhalb trainiert, da in meinem direkten Umfeld zu Beginn wenige professionelle Bedingungen gegeben waren Hierfür danke ich meinen weiteren Trainern Eui-Min Ko, Se-Hyuk Kim, Eugen Nefedow sowie allen Verbands-Trainern, bei denen ich mich erweitern durfte.

Meine größte Entwicklung habe ich bei meinen Trainingsaufenthalten in Korea gemacht. Als Sportsoldat der Bundeswehr ist mir das ermöglicht worden. Hierüber bin ich sehr dankbar. Ko Eui Min hat mich hier sehr unterstützt und die Wege dafür geöffnet. Als Kaderkämpfer hat mich die Bayerische Taekwondo Union e. V. (BTU) und die Deutsche Taekwondo Union e. V. (DTU) mit ihrer Leistungssportstruktur und motivierten Trainern sehr gefördert.
Welche Werte und Prinzipien sind Dir im Leben und im Sport besonders wichtig, und wie beeinflussen sie Deine Entscheidungen?
Antwort GS: Die höchsten Ziele sind für mich jetzt die Gesundheit und der Spaß, sowie ein respektvoller Umgang. Auch das pflegen von Freundschaften ist mir sehr wichtig.
Nach so vielen Jahren in einer leitenden Funktion – was bedeutet Veränderung für Dich? Und wie gehst Du persönlich mit diesem neuen Lebensabschnitt um?
Antwort GS: Wie oben erwähnt. Die Ziele haben sich geändert. Meine Grundeinstellung ist geblieben.
Gibt es andere sportliche oder berufliche Interessen, die Du jetzt intensiver verfolgen möchtest?
Antwort GS: In erster Linie will so viel Zeit wie möglich mit der Familie und Freunden verbringen.
Welche Werte oder Erfahrungen aus Deiner Zeit im Leistungssport wirst Du in Deine zukünftigen Projekte mitnehmen?
Antwort GS: Zum Beispiel gute Freunde lernst du am besten in intensiven und „schwierigen Zeiten“ kennen. Ebenso lernt man im Leistungssportbereich aus schwierigen Situationen das Bestmögliche zu machen. Das ist auch im Leben sehr hilfreich.
Die Entwicklung des Taekwondo in Deutschland
Mit Deinem tiefen Einblick in die Strukturen des deutschen Taekwondo – wo siehst Du den Sport aktuell, und welche Entwicklungen sind aus Deiner Sicht notwendig?
Antwort GS: Im Moment ist eine starke Strukturänderung notwendig, auf die ich schon seit vielen Jahren hingewiesen habe. Die heutige Zeit erfordert wesentlich mehr wissenschaftlichen Background und mehr Personal.
Kannst du uns etwas zu den notwendigen Strukturänderungen sagen?
Antwort GS: Der neue sehr umfangreiche Strukturplan der DTU für die nächsten Jahre beinhaltet alle zu entwickelnde zahlreichen Bereiche. Hier will ich nicht im Detail auf Internes des Verbandes eingehen. Eine sehr wichtige Rolle spielt die soziale Absicherung der Athleten, aber auch der Trainer. Sie bringen sehr viele intensive Jahre ein und brauchen eine gewisse Sicherheit für die Zeit danach. Die Bundeswehr und Polizei bieten hierfür, in Zusammenarbeit mit dem DOSB, einige gute Möglichkeiten. Aber die Honorierung bei großen Erfolgen ist verhältnismäßig gering zu den führenden Nationen. Auch wenn die Deutsche Sporthilfe hier Einiges bietet. Um eine komplette Zentralisierung im Spitzenbereich kommen wir nicht herum. Hier bietet der Bundesstützpunkt (BSP) in Nürnberg beste Möglichkeiten. Dezentral müssen die Talente im richtigen Mase gesichtet und gefördert werden. Hierfür ist eine der Anlaufstellen der BSP in Düsseldorf, aber auch die zahlreichen Landesstützpunkte. Auch hierfür gibt es ein neues Konzept. Jedoch gibt es da immer noch Lücken, die geschlossen werden müssen. Z.B. müssen nun die einheitlichen Rahmenrichtlinien für die Länder umgesetzt werden, um das System durchgängig zu halten. Hierfür wurden neue Testreihen 2023 vorbereitet und von uns schon mehrfach 2024 durchgeführt. Das föderalistische System in Deutschland macht diese Anforderungen nicht gerade einfach. Natürlich geben die Länder teilweise ungerne ihre Talente an den BSP weiter. Aber das ist notwendig, um mit den Besten mithalten zu wollen. Ich bin sicher, die neue Führung und das neue Personal wird das intensiv angehen. Gleichzeitig bedanke ich mich bei den bisherigen Personen, die unterstützt haben. Sie haben unter Druck immense geleistet und ihr Bestes gegeben.
Danke!
Lieber Georg,
vielen Dank für Deine Zeit und die offenen Einblicke in Deine Karriere, Deine aktuellen Projekte und Deine Pläne für die Zukunft. Es ist beeindruckend zu sehen, wie Du den Taekwondo-Sport über die Jahre geprägt hast und ihn weiterhin mit Leidenschaft begleitest.
Gibt es abschließend noch etwas, das Du den Leserinnen und Lesern mit auf den Weg geben möchtest? Vielleicht eine Botschaft an die nächste Generation von Taekwondo-Sportlerinnen und -Sportlern oder etwas, das Dir besonders am Herzen liegt?
Antwort GS; Ja, „Taekwondo ist weit mehr als nur ein Sport – es ist eine Leidenschaft und eine Lebensschule. Die Werte, die wir hier lernen, begleiten uns ein Leben lang: Respekt, Disziplin, Durchhaltevermögen und der Wille zur ständigen Weiterentwicklung. Mein Rat an alle jungen Sportlerinnen und Sportler: Bleibt neugierig, habt keine Angst vor Herausforderungen und gebt nie auf – egal, ob im Sport oder im Leben. Und das Wichtigste: Übt all dies mit Freude aus!“
Nochmals herzlichen Dank für dieses Gespräch – ich wünsche Dir viel Erfolg bei all Deinen zukünftigen Vorhaben!
Beste Grüße
Jürgen
Georg Streif

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